Innovationsland Schweiz 2.0
Die liberale Partei FDP hat im August 2009 ihre Innovationsstrategie präsentiert. Ziel dieses Programms ist es, in der Schweiz Wirtschaftswachstum und Wohlstand zu fördern und 40’000 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Für die Finanzierung dieser Strategie sollen 0,5 % der in den Pensionskassen angesparten Gelder eingesetzt werden.
Das Ziel des Programms ist grundsätzlich richtig. Die ins Auge gefasste Vorgehensweise ist jedoch unscharf. Sie zielt am Kern der Sache vorbei und adressiert die wirklichen Kernprobleme nicht. Ergebnis ist ein Sammelsurium von Forderungen und Massnahmen, das letztendlich die gewünschte Wirkung nicht erreichen wird.
Wie wäre vorzugehen, um wirklich Erfolg zu erzielen, und das anvisierte Ziel von 40’000 neuen Arbeitsplätzen noch zu übertreffen?
1. Welches ist in der Innovation in der Schweiz das Kernproblem?
Wir haben in der Schweiz einen guten Forschungsstandort. An den beiden ETH’s, den Universitäten und den Fachhochschulen werden genügend neues Wissen, genügend neue Erfindungen und genügend neue Patente erzeugt. Die Knackpunkte auf der wissenschaftlichen Seite sind, dass diese Erfindungen teilweise auf den falschen Gebieten erfolgen, und dass viel zuwenige dieser Erfindungen in neue, marktfähige Produkte umgesetzt werden.
Das führt zum wahren Kern des Problems, der Lücke “Science-to-Business”. Und dies meine ich wörtlich. Wenn “Business” gemeint ist, dann sprechen wir von raschwachsenden Unternehmen wie zum Beispiel Microsoft, Google, Logitech, Brack, Ferag, Franke, SFS, Stadler Rail und Mettler-Toledo. Mit Start-up’s, die nach 5 oder 10 Jahren 10 – 20 Mitarbeitende beschäftigen lässt sich das von der FDP anvisierte Ziel nicht erreichen. Da gibt es wirksamere Lösungsansätze.
Folgerung: Wir brauchen in der Schweiz nicht noch mehr Erfinder, sondern Unternehmer vom Typ eines Alfred Escher. Unternehmer, die zur Lösung eines Finanzierungsproblems die Schweizerische Kreditanstalt erfinden. Unternehmer, die zum Lösen der beim Bau der Gotthardbahn angetroffenen Probleme eine ETH gründen. Das ist Innovation. Das ist Unternehmertum, das Arbeitsplätze, Wirtschaftswachstum und Wohlstand schafft.
Die Frage ist: Was müssen wir tun, um in der Schweiz neue Alfred Escher hervorzubringen?
2. Was kann die Schweiz für die Innovationsstrategie von anderen lernen?
2.1. Projekt- und Firmenarten, die gefördert werden
Folgende Phänomene sind hier zu betrachten:
Die Erfahrung zeigt, dass mit Mitteln der Wirtschaftsförderung mit 10’000 Franken Einsatz Unternehmen mit 100’000 Franken Umsatz angesiedelt werden können. Das ist ein Hebeleffekt von 10:1.
Nicht ganz so vorteilhaft sieht es in Unternehmen mit internem Wachstum aus. Die Faustregel sagt, dass für einen Franken zusätzlichen Umsatz eine Vorinvestition von einem Franken getätigt werden muss. Das ist ein Wirkungsgrad von 1:1.
Die Pensionskassenvermögen in der Schweiz betragen zirka 600 Mia Franken. Werden wie von der FDP postuliert 0,5 % für die Innovationsförderung investiert, entspricht dies 3 Mia Franken. Nun ist leicht errechenbar, dass mit diesen Mitteln mit Wirtschaftsförderung 300’000 Arbeitsplätze erzeugt werden können. Mit Investitionen in Start-up’s resultieren aber lediglich 30’000 Arbeitsplätze. Dies legt es nahe, die Pensionskassenmittel nicht in Start-up’s zu investieren, sondern in die Expansion von Unternehmen, die es bereits gibt. Die Statistik zeigt weiter, dass bei den Start-up’s in der Seed Money- und der Early Stage Phase die Floprate bei 80 % liegt. Dies zeigt schon rein statistisch, dass es keine gute Stossrichtung ist, Pensionskassengelder in Start-up’s zu investieren.
Die Finanzierung von Seed Money und Early Stage Projekten ist Sache von Privaten und hochspezialisierten Venture Capital Gesellschaften mit spezifischen Branchenkenntnissen, nicht von Pensionskassen. Lohnenswert für Pensionskassen wird es, wenn das Unternehmen so gross ist, dass ein bereits im Markt befindliches Produkt da ist, eine Organisation und eine Geschäftsleitung, die schon bewiesen hat, dass sie ein Unternehmen zum Erfolg führen kann. Diese erfolgreichen Start-up’s gelangen in der Regel in eine intensive Phase des Unternehmenswachstums. Unternehmenswachstum ist kapitalintensiv. Hier zu investieren ist für Pensionskassen bedeutend aussichtsreicher. Die Vorlaufzeiten sind kürzer, die erzielbaren Erträge höher und das unternehmerische Risiko ist bedeutend kleiner.
Der Stadtstaat Singapur hat verschiedene Fact Finding Missions durchgeführt die zeigen, dass dies zum Schaffen von Unternehmen und Arbeitsplätzen das erfolgversprechendste Modell ist. Der Erfolg von Singapur spricht für sich.
2.2. Konzentration der Mittel
Wenn wir von Innovation sprechen liegen immer neue Technologien zugrunde. Die Erfindung der Dampfmaschine, der Eisenbahn, des Radios, des Computers, des Internets: immer liegen neue Technologien zugrunde. Technologien kennen keine Grenzen. Professor Michael Porter hat vor einigen Jahren gezeigt, dass es Zusammenhänge gibt zwischen erfolgreichen Regionen auf der Welt und den in der entsprechenden Region vorhandenen Fähigkeiten. Die Abstimmung der Innovationsschwerpunkte mit den Fähigkeiten der Schweiz ist folglich ein Muss. Das Bilden von Innovationsclustern hat weiter den Vorteil, dass eine kritische Masse entsteht. Diese schafft auch Konkurrenz, die anspornt. Als Beispiel mag das Silicon Valley dienen, die Wiege der Computerindustrie.
Die Stärken der Schweiz sind die Arbeitssamkeit der Bevölkerung, die natürliche Fähigkeit der Exaktheit und Präzision, das sich bewusst sein des Fehlens natürlicher Rohstoffe, das die Erfindungsfähigkeit fördert. Ein denkbarer Cluster ist die Kombination von Feinwerktechnik, Elektronik und Software. Dazu gehört sicherlich auch die Medizintechnik. Der gegenwärtige Kondratjeff-Zyklus ist immer noch von der Informatik angetrieben, die wir in der Schweiz überwiegend verpasst haben. Dabei sind exzellente Voraussetzungen da, wenn man sieht was Unternehmen wie Myriad Group und Noser Engineering in der jüngsten Vergangenheit für die Mobiltelefon-Industrie geleistet haben. Neue Gebiete, die sich eröffnen, sind die dezentrale Erzeugung von elektrischer Energie mit Sonne, Wind und Erdwärme. Das Wachstum der Menschheit und die weitere Verstädterung auf der Erde bedingen neue Methoden der Nahrungsmittelproduktion, -verarbeitung und -distribution. Der auf IKT folgende Kondratjeff-Zyklus könnten die Materialwissenschaften sein. Mit rund 40 Professoren, die in der Schweiz auf dem Gebiet der Nanotechnologie bereits tätig sind, besteht hier schon ein guter Kristallisationspunkt. Zusätzlich Weltklasse ist die Schweiz nicht nur in Chemie, Biotechnologie und Pharma. Mit 25 % Weltmarktanteil im Private Banking und grossen Versicherungen aller Art bestehen im Tertiärsektor ebenfalls ausgezeichnete Voraussetzungen.
Die Konzentration auf die richtigen Gebiete und die Auswahl dieser Cluster ist ein Erfolgsfaktor für das Gelingen des Programms der FDP.
3. Ordnungspolitische Traktanden
Die FDP regt an, die besten Studenten in die Schweiz zu holen. Mein Gegenvorschlag ist es, die besten und die richtigen Professoren in die Schweiz zu holen. Professoren, die nicht nur wissenschaftlich Topshots sind, sondern auch exzellente Lehrer. Lehrer, die auch Freude an der Anwendung und Umsetzung ihrer Forschungsergebnisse haben. Professoren mit Wurzeln in der Industrie. Professoren mit Verbindungen in die Industrie zu raschwachsenden Unternehmen. Damit wird ein 20 x höherer Wirkungsgrad erzielt. Auswahlkriterium wäre dann nicht mehr, wieviele wissenschaftliche Papiere ein Professor geschrieben hat, sondern wieviele Milliarden Umsatz in der Industrie erzeugt werden, basierend auf seinen wissenschaftlichen Arbeiten.
4. Die Kernpunkte der Innovationsstrategie 2.0 für die Schweiz sind demzufolge:
Ziel des Programms
Auch in 20 Jahren soll die Schweiz zu den 5 innovativsten Ländern der Welt gehören.
Finanzierung
Zu diesem Zweck sollen 0,5 % des Pensionskassenkapitals für die Finanzierung von nachhaltigen, raschwachsenden Unternehmen investiert werden.
Schwerpunkte
Die Schweiz braucht Klasse. Um eine klare Fokussierung zu erreichen werden vier bis maximal fünf Branchencluster ausgewählt. Gefördert werden Expansionsvorhaben von bereits bestehenden Unternehmen. Entscheidungskriterium für die Mittelvergabe sind die Anzahl der entstehenden neuen Arbeitsplätze und die Qualität des Steuersubstrats.
Rahmenbedingungen
Der Schweiz muss es gelingen, die besten Köpfe für sich zu gewinnen. Dies realisiert sie, indem an den ETH’s, Universitäten und Fachhochschulen die besten Professoren aus der ganzen Welt engagiert werden, die ihre Forschungsergebnisse auch in industrielle Anwendungen umsetzen können. Ergebnis dieser Hochschulausbildung sollen Studenten sein, die wissenschaftlich gut qualifiziert sind und die während ihrem Studium gleichzeitig unternehmerisches Denken und Verhalten erlernt und durch ihre Lehrkräfte quasi mit der Muttermilch verabreicht bekommen haben.
This entry was posted on Montag, August 31st, 2009 at 09:17 and is filed under Ausbildung, Denkanstösse, Politik, Venture Capital. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. Both comments and pings are currently closed.